"Kleid 07" ist der Renner

Keine Lust auf Schräges: Die Modedesignerin Angelika Platte freut sich, wenn ihre Kundinnen vergessen, was sie tragen.

Von Dorothea Friedrich

WIESBADEN. Ein Leben lang gesucht und bei Chichino endlich gefunden: Dieses Offenbarungserlebnis ihrer Kundinnen ist für Angelika Platte beinahe schon Standard. Natürlich freut sie sich, wenn dieses Glück in einen multiplen Einkauf mündet und die Kundin "Kleid 07" gleich in mehreren Farben kauft. "Das mit der Schluppe am Hals", beschreibt die Designerin ihren Megaseller.

Die exakte Numerierung erweist sich als typisch für Angelika Platte: Atelier und Kopf sind gleichermaßen aufgeräumt. Tatsächlich hat Kleid 07 einen eleganten asymmetrischen Kragen, der sich verspielt in einen Knoten verliert, und stellt sich als ein Kleid von jener verträglichen Anschmiegsamkeit heraus, die von der wahren Silhouette nur so viel verrät, wie seine Trägerin möchte. Für jede Konfektionsgröße ein absoluter Schmeichler, der sogar mit überlangen Ärmeln verfügbar ist, wie sie vor allem ganz junge Frauen lieben.

Sie gehören allerdings nur marginal zur Zielgruppe von Angelika Platte, denn wenn ihre Preise auch dem mittleren Segment der üblichen Modehäuser entsprechen, konkurriert sie gar nicht erst mit Ketten wie H&M oder Zara. Wer im Rhein-Main-Gebiet auf Bestellung individuelle Größen produziert, kann keine asiatischen Preise bieten. Und doch kostet der teuerste und extravaganteste Chichino-Mantel - schwarz und im unteren Drittel mit höchst dekorativen Edelweißblüten bestickt - lediglich 398 Euro.

Angelika Platte studierte Kommunikationsdesign an der Wiesbadener Fachhochschule. Schon die Diplomarbeit der Bewunderin von Yohji Yamamoto drehte sich um das Zusammenspiel von Mode und Design, wenn auch die ersten Kopierversuche an der Nähmaschine misslangen, wie sie lachend erzählt. Ihre ersten zwei Berufsjahre verbrachte sie in Sintra bei der Werbeagentur Stephan Onken. Portugiesisch zu lernen sei ihr nicht schwergefallen, da sie bereits Spanisch gesprochen habe, sagt Platte. Nach zwei Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück, arbeitete in Frankfurt und in Kronberg und unterbrach ihre Karriere als Kreativdirektorin mit der Geburt eines Sohnes. Nach drei Erziehungsjahren arbeitet sie seit 1997 erfolgreich als "Freie".

Ihrer Zeit in Portugal verdankt Angelika Platte eine wichtige Freundschaft: Ihr einstiger Mitbewohner in Sintra machte sie Jahre später mit dem aus Portugal stammenden Designer Daniel Dinis bekannt, ohne den sie Chichino im Oktober 2008 vielleicht gar nicht gegründet hätte. Daniel Dinis hat Design am Lette-Verein in Berlin studiert, jenem legendären "Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts", wo schon Theodor Fontanes Heldin Corinna Schmidt aus "Frau Jenny Treibel" zwei Medaillen für ihr Talent zum Kunststopfen gewonnen hat.

Dinis profilierte sich in seiner eigenen Kollektion als kongenialer Blusen- und Hemdenschneider und liebt auch das Zusammenspiel mit der Kunst: Platte stellt zur Zeit in ihrem Verkaufsatelier an der Nerostraße in Wiesbaden an Rorschach erinnernde Fotos aus, deren scheinbare Zwillingsmädchen Daniel Dinis mit recycelten Materialien ausgestattet und die Plattes Lieblingsfotografin Diana Djeddi fotografiert hat.

Für Angelika Platte, die von sich sagt, weder perfekt zeichnen noch besonders gut nähen zu können, war Dinis der erste und immer noch wichtigste Schnittdesigner. Sie weiß, was sie will, und ihr Team setzt es um. Einmal im Monat trifft sie sich mit ihrer Gruppe von etwa sechs Schneiderinnen im Atelier zu einem Workshop, wo man Arbeitsabläufe optimiert, Ideen austauscht und Neues probiert. Ein perfektes Miteinander.

Für diesen Herbst und Winter führte das zu wunderschönen Kurzmänteln aus ungewöhnlichen Stoffen, vielen Shiftkleidern, schmalen und weiten, kurzen und langen Röcken - ganz wie es die Kundin wünscht. Und trotzdem entstehen kompromisslose Entwürfe, mit denen man gar nichts falsch und nur alles richtig machen kann. Kein "gruselerregendes Rot", wie es einer von Plattes eigenen Mänteln hatte, im Übrigen auch ein Ungetüm von Zelt, an das sie sich mit Schaudern erinnert.

Auf Chichinos Untadeligkeit ist Verlass. Ihr Credo, sagt Angelika Platte, sei es, dass Kleidung dann perfekt sei, wenn man sie anziehe und sofort wieder vergesse. Dennoch versäumen es viele ihrer Kundinnen nicht, ihren Freundinnen die Chichino-Visitenkarte zuzustecken: Angelika Platte hat schon über hundert Stammkundinnen, eine stolze Zahl nach nur zwei Jahren im Geschäft. Die Zeit jetzt nach dem Umzug aus ihrem ersten Laden an der Bertramstraße und der Fertigstellung der neuen Kollektion will die kluge Geschäftsfrau dazu nutzen, die Basis für ihre Verkäufe zu erweitern. Sie liebäugelt mit einer Teilnahme an der Basler Blickfang-Messe im April, und außerdem wird sie den Markt in Österreich sondieren. Immer in dem Bewusstsein, dass ihr System der individuellen Anpassung an die Kundin nicht so leicht transportierbar sein wird.

Ihren Wechsel in die Modebranche genießt Angelika Platte. Nach vielen Jahren im Printdesign liebt sie es, Dinge dreidimensional entstehen zu lassen, und nicht zuletzt den Umgang mit ihren Mitarbeiterinnen und Kunden.

Dogmen wie "Rot ist das neue Schwarz" empfindet Platte als "Quatsch". Doch von ihren Stoffen, die sie vor allem in Frankreich und Italien kauft, spricht sie mit Begeisterung: Chenille, Romanit-Jersey, Alpaka mit Mohair, schwere Seide. Gern nutzt sie die kleinen technischen Revolutionen. Ein apart fedrig wirkender Rock ist aus Polyester, das vom Laser in verschiedene Richtungen zerschnitten wurde. Er ist sogar maschinenwaschbar wie viele ihrer Kreationen, denn den möglichst unkompliziert zu gestaltenden Alltag ihrer meist berufstätigen Kundinnen behält sie immer im Auge. Genau wie kleine liebevolle Details, etwa die geknöpften Ärmelriegel an den Mänteln, das verstärkte Bikerknie an einer schmalen Samthose, selbstentworfene Handtaschen, die durch Druckknöpfe eine engere diebstahlsichere Öffnung erhalten, in denen aber stets auch für Mappen im DIN-A4-Format Platz ist. Nur die Shorts gingen zunächst nicht gut, allen "Daisy Dukes" à la Katy Perry zum Trotz, doch am Ende waren sie, deren Saum jede Frau über 25 in der Chichino-Variante herunterklappen konnte, doch verkauft. Beliebt auch die bodenlangen, faltenreichen Hosenröcke, die unkomplizierte Abende im festlichen Rahmen garantieren.

Angelika Platte entwirft ganz bewusst nichts Schräges. Wenn sie trotz ihres programmatischen Namens "Kein Chichi!" eines Tages aber doch noch kleine Ausreißer wagt, wird ihre Mode endgültig unwiderstehlich sein.


Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.10.2010, Dorothea Friedrich

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